Diese Frage ist kein rhetorisches Stilmittel, sondern aus meiner Sicht die Frage dieser Tage. Wer die öffentlichen Debatten der vergangenen Wochen verfolgt, gewinnt zunehmend den Eindruck: Wir diskutieren in der Sache immer weniger und reagieren dagegen umso schneller. Ein Vorschlag, ein Satz, ein Gedanke – und sofort dominieren Empörung, moralische Zuschreibungen und Lagerdenken.
Dabei wäre genau jetzt das Gegenteil notwendig. Unser Land steht vor enormen Herausforderungen: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, schleppende Produktivitätsentwicklung, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit. Diese Aufgaben lassen sich nicht mit Phrasen in Sonntagsreden lösen, sondern nur mit Klarheit, Ehrlichkeit und der gesellschaftlichen Bereitschaft, auch unbequeme Reformen mitzugehen.
Doch das Muster wiederholt sich auffällig häufig – bei ganz unterschiedlichen Themen. Ob die Diskussion zur Teilzeit, Zahnarztbehandlungen oder Klimazielen: Kaum finden sich in ausgiebigen Konzepten auch neue Ideen wird diese eine Forderung rausgegriffen, verhetzt und mit der Moralkeule das gesamte Konzept beerdigt.
Wenn in diesem Klima neues Denken sofort abgewürgt wird, ist das kein bloßes Stilproblem der politischen Kommunikation. Es ist ein handfestes Standortproblem. Denn Reformen entstehen nicht aus Empörung, sondern aus dem ernsthaften Ringen um den besten Weg.
Der DM-Chef Werner hat einmal einen bemerkenswert einfachen Gedanken formuliert: Bei einer neuen Idee solle man erst einmal zehn Minuten positiv darüber sprechen, bevor die Kritik beginnt. Das klingt fast banal – ist aber genau die Haltung, die uns zunehmend fehlt. Auch zuzugeben, wenn der Andere vielleicht ein richtiges Problem benennt. Offenheit vor Abwehr. Neugier vor Reflex.
Deutschland war immer dann stark, wenn es diese Haltung gelebt hat. Wenn kontrovers gestritten wurde, aber respektvoll. Wenn Fehler nicht nur benannt, sondern auch korrigiert wurden. Wenn am Ende nicht Erregung zählte, sondern das Ergebnis.
Reformfähigkeit bedeutet nicht, jeden Vorschlag gutzuheißen. Sie bedeutet, Vorschläge ernsthaft zu besprechen, Argumente abzuwägen und Entscheidungen zu treffen – auch wenn diese nicht allen gefallen. Wer Reformen grundsätzlich blockiert, weil sie anecken könnten, entscheidet sich für Empörungszirkus und Stillstand.
Deutschland braucht wieder mehr Gelassenheit in der Debatte, mehr Rückgrat in der Entscheidung – und mehr gegenseitigen Respekt in der Diskussion. Nur so bleiben wir handlungsfähig in einer Welt, die nicht auf uns wartet.

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